Musikjahr 1965

Während das Jahr 1965 musikalisch mit dem Nummer 1-Hit von Roy Orbison „Pretty Woman“ eingeleitet wurde, war es weiterhin durch Ereignisse und Umbrüche stark bewegt. Die Sechziger waren eine Zeit der Proteste, der Drogenexperimente, der Hippie-Kommunen, der Anti-Kriegs-Demonstrationen und der sexuellen Befreiung.
Anfang des Jahres starb Winston Churchill, im Februar wurde der Führer der Schwarzenbewegung Malcolm X in New York ermordet. Der Vietnamkrieg tobte mit verheerenden Folgen weiter und die Jugend, die eindeutig das Sagen hatte, rebellierte.
Zwei große Bands teilten den Geschmack der Fans in die Begeisterung entweder für die eine oder andere Gruppe, nicht nur als musikalische Entscheidung, sondern auch als Hinweis auf die eigene Lebenseinstellung. Wer die einen mochte, lehnte die anderen ab, zumindest wurde die Frage laut, wer von beiden die bessere Musik machte, die bis heute nicht beantwortet wurde.
Auf der einen Seite standen „The Beatles“ aus Liverpool, auf der anderen „The Rolling Stones“ aus London. Während die Musiker der ersten Gruppe einen Ruf des erfolgreichen und freundlichen Umgangs besaßen, galten die „Stones“ als Rowdys. Tatsächlich war es hinter Image und Auftritt genau umgekehrt, auch wenn die Londoner eine Geldbuße zahlen mussten, weil sie gegen die Säule einer Tankstelle gepinkelt hatten. Mick Jagger und Konsorten waren eigentlich ganz brave Typen, die aber ihrer Musik einen rebellischen Ausdruck verliehen, während John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison ziemliche Chaoten waren. Die „Stones“ kamen 1965 mit „Satisfaction“ und „The Last Time“, die „Beatles“ mit „Yesterday“ und „Help!“ heraus. Beide landeten regelmäßig auf Platz 1 der Charts.
Einen viel größeren Erfolg aber feierten weltweit die „Righteous Brothers“ mit ihrem Song „Unchained Melody“. Daneben machte sich weiterhin die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg bemerkbar und Bob Dylan schnallte sich den Halter seiner Mundharmonia um den Hals, setzte sich ans Mikrofon und sang Songs wie „Like a Rolling Stone“ oder „Bringin’ It All Back Home“. Mit „Mr. Tamborine Man“ traten 1965 „The Byrds“ auf, prägten so den Zeitgeist mit und die Band „Jefferson Airplane“, die direkt in den Protest mit einstieg, wurde in jenem Jahr gegründet.
In Deutschland waren Songs von Petula Clark mit ihrem „Downtown“, Cliff Richard mit „Das ist die Frage aller Fragen“ und Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ angesagt, und die „Scorpions“, die später durch Hits wie „Wind of Change“ oder „Send Me an Angel“ bekannt werden sollten, traten zum ersten Mal gemeinsam auf die Bühne, um Musik zu machen. Auf der anderen Seite der Grenze, in der DDR, bekam der Liedermacher Wolf Biermann 1965 Publikations- und Auftrittsverbot, als kurz zuvor sein Gedichtband „Die Drahtharfe“ veröffentlicht wurde. Gegen Biermann entwickelte das Ministerium für Staatssicherheit einen Zwanzig-Punkte-Plan zur „Zersetzung seiner Person“. In den Siebzigern wurde er dann ausgebürgert, was eine große Protestaktion in Ost- und Westdeutschland nach sich zog.
Zensur machte sich auch an anderen Stellen bemerkbar, so verweigerten etliche Radiosender den Song von Barry McGuire „Eve of Destruction“ in ihren Sendungen zu spielen, da dieser sich mit dem Thema „Suizid“ auseinandersetzte und offene Kritik an der US-Regierung übte, was jedoch nicht verhinderte, dass der Song dennoch Mitte des Jahres auf Platz 1 der US-Charts landete und großen, kommerziellen Erfolg feierte, das alles nicht ohne die Unterstützung etlicher Piratensender.
Kritik im Song fanden der Vietnamkrieg, die Rassentrennung und allgemein die Sinnlosigkeit von Gewalt und Tod. Damit wurde „Eve of Destruction“ zur einer der wichtigsten Protesthymnen der Sechziger Jahre. (mb)