Musikjahr 1964

1964 wurde in den USA mit der Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetz durch Präsident Lyndon B. Johnson der Weg zur Beendigung der Rassentrennung freigemacht, die USA erklärten Nordvietnam im selben Jahr formell den Krieg, der junge Cassius Clay wurde Box-Weltmeister und der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke begann seine zweite Amtsperiode.
Musikalisch war 1964 das Durchbruchsjahr für die britische Mersey-Beat-Truppe Beatles. Ihre erste TV-Show in den USA erreichte Traum-Einschaltquoten von mehr als 70 %. Ungefähr 60 % aller 1964 in den USA verkauften Singles waren Beatles-Platten. Und in den anderen Ländern war es ähnlich. Die Gruppe um Paul McCartney und John Lennon belegte zeitweise die fünf ersten Plätze der US-Billboard-Charts mit „Can’t Buy Me Love“, „I Want to Hold Your Hand“, „She Loves You“, „Twist and Shout“ sowie „Please Please Me“. Die bei einer halben Mädchen-Generation Schreikrämpfe auslösenden „Fab Four“ mit ihren braven Anzügen und Pilzkopf-Frisuren wurden auch vom Establishment als „Gitarren-Combo mit Pfiff“ (Springer-Presse) goutiert. Neben ihrem Tourneen und TV-Auftritten fanden die Beatles noch Zeit, ihren ersten Film zu drehen. Die von Regisseur Richard Lester in Szene gesetzte Musikkomödie „A Hard Day´s Night“ („Yeah Yeah Yeah“) wurde wie erwartet zum Kassenerfolg.
1964 kam mit „The Rolling Stones“ die erste LP der Rolling Stones heraus. Die Gruppe wurde nicht zuletzt wegen ihres laszive Arroganz ausstrahlenden Leadsängers Mick Jagger als die rüdere Version des Nordengland-Beats von der Eltern-Generation beargwöhnt. Aber auch die Gruppenmitglieder Brian Jones und Keith Richards passten nicht in das Schwiegersohn-Wunschprogramm wie der hübsche Paul McCartney, sondern galten, nicht zu Unrecht, als potenziell schlimme Finger. Massen von Jugendlichen sahen das positiv und bald bildeten sich in manchen Schulklassen gegnerische Fan-Parteiungen. Bei den Stones-Anhängern war der Anteil von schlechten Schülern regelmäßig höher als der im Beatles-Block. Mit „It´s All Over Now“ gelang den Rolling Stones ihr endgültiger Durchbruch. Weitere 64er Stones-Hits waren „Tell me“, „Time Is On My Side“ und “Last Time“. Mit „House Of The Rising Sun“ hatte mit The Animals eine weitere britische Gruppe weltweiten Hiterfolg. Die Gruppe um Eric Burdon landete mit „Don’t Let Me Be Misunderstood“ im selben Jahr einen zweiten Welterfolg.
Die Beach Boys knüpften 1964 unter anderem mit dem Surfer-Happiness besingenden „I Get Around“ an ihre Chartserfolge im Vorjahr an. „Baby Love“, „Where Did Our Love Go“ und „Come see About Me“ waren gleich drei 64er Top-Hits der Supremes. Mit "Everybody Loves Somebody" konnte Dean Martin als Vertreter der auch bei Wählern der Republikaner ansprechenden Martini-Cocktail-Fraktion punkten und auch Louis Armstrong hatte mit „Hello Dolly“ einen Nr.1-Hit. Ebenso Roy Orbison mit „Oh, Pretty Woman“. Richtig schmalzig war Bobby Vintons Knutsch-Partys nahezu zwangsläufig machendes „Lonely“. The Kinks machten mit ihrem Ohrwurm „You Really Got Me“ Furore.
Zum Klassiker wurde der größte Hit der aus zwei minderjährigen Schwesternpaaren bestehenden Girlie Group Shangri-Las. Mit dem schluchzigen „Leader Of The Pack“ schufen sie eine die Zeiten überdauernde Mini-Drama-Oper.
Bob Dylan sorgte mit seinem Nabelschau-Song-Album „Another Side Of Bob Dylan“ Befremden bei den Puristen der Folk-Protest-Song-Szene. Viele weichgespülte Dylans-Fans waren aber von Liedern wie „It Ain't Me Babe" so begeistert, dass das Album sich fast das ganze Jahr in den US-Album-Charts halten konnte.
Mit Sam Cooke wurde 1964 ein 33-jähriger afroamerikanische Soulsänger, der als einer der „Väter des Souls“ in die Musikgeschichte eingegangen ist, unter nie ganz aufgeklärten Umständen erschossen. Sein Song "A Change Is Gonna Come" wurde postum zu seinem größten Erfolg.
In Deutschland begann die Beatlemania zu greifen. Zwar war immer noch, sehr gern mit ausländischem Akzent garniertes, Träller-Deutsches wie Siw Malmkvists „Liebeskummer lohnt sich nicht“, Paul Ankas „Zwei Mädchen aus Germany“ oder Cliff Richards „Rote Lippen soll man küssen“ hit-tauglich, aber englische Hits wie „I Want to Hold Your Hand“ oder „Oh,Pretty Woman“ gewannen zum Ärger von selbsternannten Sprach-Kulturwarten merklich an Raum.
In der DDR, wo kurzfristig die Beatles als „Arbeiterjungs aus Liverpool“ sozialkompatibel erschienen, bevor sie ein Jahr später von der fistelstimmigen Staats- und Parteispitze Ulbricht als monotones „Yeah, Yeah, Yeah“ absondernde Kapitalistenknechte gemarkert wurden, war 1964 ein Zeitfenster vorsichtigen musikalischen Tauwetters. Beatles- und Stones-Lieder durften im 1964 gegründeten Sender DT64 gespielt werden. Es gab sogar DDR-Beatgruppen, wie die von Klaus Renft mitgegründete Gruppe Butlers. (mb)

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