Musikjahr 1963

1963, das Jahr, in dem John F. Kennedys Ermordung für zeitweilige Schockstarre in der Welt, Adenauers überfälliger Rücktritt als Bundeskanzler für erleichtertes Aufatmen in Deutschland (West) und Edith Piafs Tod für Trauer in Frankreich sorgten, war musikalisch das Jahr, in dem der Beat und auch die Beatles ihre Siegeszüge begannen.
Beatmusik, ein gut tanzbarer Hybrid aus US-Rock und Brit-Skiffle, setzte sich 1963 als beherrschende Musikrichtung im Unterhaltungs- und Jugendsektor durch. In der öffentlichen Wahrnehmung untrennbar mit dieser Entwicklung verbunden wurde bald eine Liverpooler Band, die in ihrer Heimat 1963 mit „From Me To You“, „She Loves You“ und „I Want To Hold Your Hand“ gleich drei Nr.1-Hits hatte. The Beatles schickten sich an, die Welt ins Beatlemania-Fieber zu stürzen. 1963 waren sie dafür schon sehr gut aufgestellt, aber noch war ihre Stellung noch nicht ganz gesichert. Mit der ebenfalls aus Liverpool stammenden Mersey-Beat-Gruppe Gerry & The Pacemakers, die auch von Beatles-Manager Epstein betreut wurde, hatten die Beatles ernsthafte Konkurrenz aus dem eigenen Stall. Gerry & The Pacemakers hatten 1963 ebenfalls drei UK-Top-Hits. Neben „How Do You Did it“ und „I Like It“ auch „You'll Never Walk Alone“. Der als „The Kop“ bekannte Fan-Block des FC Liverpool machte das Lied zu seiner Hymne. Die Fans vieler anderer Fußballvereine, wie zum Beispiel die des FC St. Pauli, haben in den Folgejahrzehnten den in zahllosen Coverversionen immer wieder neu aufgelegten Liverpool-Song ebenfalls zu ihrem Schlachtgesang gemacht.
Ein Schlachtgesang ganz anderer Art wurde 1963 zur weltweiten Hymne von Friedensbewegten und Bürgerrechtsstreitern. Der sanfte, aber in seiner Programmatik auch Hartnäckigkeit transportierende, Protestsong „We Shall Overcome“ („Wir werden es überwinden“) wurde am 28. August 1963 auf dem legendären „March On Washington For Jobs And Freedom“ von Joan Baez gesungen. Das Lied, das in der US-Hauptstadt vor dem Lincoln Memorial 200.000 Bürgerrechts-Demonstranten beeindruckte, war zu dem Zeitpunkt ein schon seit Jahrzehnten in der US-Gewerkschaftsbewegung beliebtes Lied, doch durch den Baez-Vortrag in Washington wurde es schlagartig in der ganzen Welt populär. Es blieb bis nach der Jahrtausendwende festes Versatzstück von an Lagerfeuern auf Schulausflügen und Ausfahrten von Evangelischer Jugend & Co. schlecht Gitarre klampfender Langmähnen-Jungs softer Grundausrichtung á la Bob Dylan.
Ganz anders als bei diesen immer leicht sauertöpfisch wirkenden und ernsthaft-nachdenklichen Mundwinkel-nach-unten-Trägern ging es 1963 bei den eher hedonistischen Teil der US-Jugend zu. Nach den simplen Leitlinien „Schnapp´ dir ein Surfbrett und du bist glücklich“ und „Amerika ist toll und Kalifornien ist supertoll“ versetzten die Beach Boys die Musikwelt ins Surf-Fieber. Die von den Brüdern Brian, Dennis und Carl Wilson und ihren Mit-Surfern angerührte Mischung aus Vokalklang, California-Rock ´n´Roll ohne aggressive Anklänge und harmlos-sonnigen Strandimpressionen brachte nicht nur junges Volk bei „Surfin´ USA“ zum Hoppsen. Ähnlich sonnenverstrahlt und erfolgreich war der Brite Cliff Richards mit seiner Ode an die leichte Freude „Summer Holiday“.
Am Horizont bereitete sich aber schon ein neuer Trend von Briten-Musik vor, mit härteren Klängen so viel Weichgespültheit Konkurrenz zu machen. Ende 1962 bereits live vorgestellt, pflügte das noch gezähmt rüde „Come On“ (Original von Chubby Check, 1961) der sich um Mick Jagger formierten Rüpel-Truppe The Rolling Stones zum Entsetzen des harmonie-gebürsteten Establishment durch die Musikszene und begann sich zum wilden Gegenentwurf zu Beatles und Beach Boys zu positonieren.
Davon noch unbeeindruckt behauptete der Platzhirsch der 1960er Jahre, „King“ Elvis Presley, weiterhn mit den Softrock-Schnulzen „Kiss Me Quick“ und „Devil In Disguise“ seinen Rang in den Charts. „Kiss Me Quick“ schaffte es sogar auf Platz 8 der ansonsten weiterhin deutschsprachiges Schlagergut favorisierenden Top Ten in der BRD. Hier führten Manuela („Schuld war nur der Bossa Nova“), Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“) und Rocco Granata „Buona notte“ die Wessi-Charts. Die Ossies bewiesen mit dem „Jodel-Twist“ von Susi Schuster ähnlichnen U-Musik-Geschmack. (mb)