Musik der 70er Jahre

1970 standen alle Zeichen auf Sturm. Mit Galionsfiguren wie James Brown und Bob Marley traten der Funk und der Reggae ihre Siegeszüge an. Politische Statements wurden unverblümter vorgetragen.
Eric Burdon erklärte den Krieg ("Declares War") und die Stooges wüteten noch kompromissloser als im Vorjahr. Der Folk, dem gleichwohl hochkarätige Singer-Songwriter wie Joni Mitchell oder Simon & Garfunkel noch die Treue hielten, befand sich zunehmend in der Defensive. Auch Neil Youngs steigendes Interesse an Countryelementen erwies sich nicht unbedingt als richtungweisend.
Statt dessen sorgten die Erben der Hardrock-Dinosaurier Led Zeppelin für Furore. Deep Purple, Black Sabbath und Uriah Heep gehörten zur Speerspitze jener stetig wachsenden ersten Heavy Metal-Bewegung, die man später - in Abgrenzung zum 1976 aus Bluesrock-, Punk- und Jazzelementen entstehenden klassischen Heavy Metal - dem Hardrock zurechnete. Dieser wiederum schlug ab 1974, als Kiss und AC/DC zu wirken begannen, eine eigenständige Entwicklungsrichtung ein, die allenfalls noch in loser Beziehung zum Metal stand, während die Alten Helden sich mehr und mehr dem Einfluss des Blues ergaben. Ebenfalls 1970 entsetzte und ergötzte Miles Davis mit dem Fusion-Hexengebräu "Bitches Brew" die Fachwelt. Die Mauer zwischen Jazz und Rock war nun endgültig gefallen, wodurch auch die Jugend sich wieder verstärkt für erstgenannten Stil begeistern ließ.
Dass der "richtige" Jazz darunter nicht litt, sondern in seinen Ausdrucksmöglichkeiten bereichert wurde, zeigt auf eindrucksvolle Weise Carla Bleys Magnum opus "Escalator Over The Hill". Im Gegensatz zur
 oftmals recht minimalistisch agierenden Fusion-Liga folgten die meisten Vertreter des Progressivrock dem Maximalprinzip: sie boten alle verfügbaren künstlerischen Mittel auf, um größtmögliche Effekte zu erzielen.
 Bombastische Klangvielfalt, ausladende von Klassischer Musik und Jazz beeinflusste Kompositionen sowie höchsten Ansprüchen genügendes Instrumentalspiel verschafften musikalischen Schwergewichten wie Yes, Genesis, Pink Floyd, Queen oder Emerson, Lake & Palmer ein begeistertes, wenn auch nicht in jedem Fall übermäßig großes Publikum. Auch Led Zeppelin warteten mit einigen Rock-Überraschungen, darunter "Houses Of The Holy", auf.
 Dass immer mehr Bands bei ihren (oft genug nur vermeintlich) intellektuellen Höhenflügen den Bodenkontakt verloren, gefiel natürlich längst nicht allen Hörern. Der Ruf nach einem Gegenentwurf - mit dem selbst die neue Hardrockgeneration kaum dienen konnte - wurde lauter.   In New York und London wurde er erhört. Die Ramones formierten sich 1974, und im Jahr darauf erschuf Malcolm McLaren faktisch im Alleingang die Sex Pistols - in Johnny Rotten fand er den idealen Bürgerschreck. "Never Mind The Bollocks" löste eine weltweite Protestkultur aus, in deren Dunstkreis sich schnell die New Wave herausbildete, die die radikale Attitüde des Punk zähmte und tanzbare, oft
 sogar romantische Songs hervorbrachte. Exemplarisch seien Tubeway Army, Ultravox und Joy Division genannt. Als Impulsgeber hierfür dürfte auch der von den Pop-Avantgardisten Brian Eno (dem Mitbegründer von Roxy Music) und David Bowie initiierte Glam Rock nicht unwichtig gewesen sein. Deren Zusammenarbeit, aus der ab 1976 Bowies Berlin-Trilogie resultierte, war ein essentieller Beitrag zur Weiterentwicklung der Popmusik. Währenddessen überrollte von New York ausgehend die Disco-Welle die Kontinente. Interpreten verschiedener Musikrichtungen vom Schlager bis zum Hardrock erlagen der Versuchung, mit ebenso tanzbaren und discotauglichen Stücken ihre Umsätze zu steigern, aber die Erfolge damit waren meist nur vorübergehender Natur. Für die meisten Disco-Fans bestand kein Anlass, bestimmten Musikern die Treue zu halten, denn die Rhythmen und Melodien, die sie wünschten, konnte im Grunde jeder gute Musikproduzent liefern.
 Fest im Sattel konnte eigentlich nur sitzen, wer wie Donna Summer rechtzeitig dabei war und daher als Identifikationsfigur galt. Doch der Disco-"Wahn" hatte auch sein Gutes: In den Diskotheken wurde - nicht zuletzt aus Gründen der Abwechslung - so manche Perle der Popmusik aufgelegt, die die Besucherschaft sonst vielleicht gar nicht oder nur aus klanglich meistens weit weniger wirkungsstarken Radiolautsprechern zu hören bekommen hätte.