1979

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Hersteller Beschreibung

Mitglied des popliterarischen Quintetts gewesen zu sein, ist wie Mitglied einer terroristischen Vereinigung oder einer Boyband gewesen zu sein: Es wird einem nicht so schnell verziehen. Wie seine vier Freunde bezahlt auch Christian Kracht noch heute dafür, 1999 das tatsächlich etwas unangenehme Diskursbuch Tristesse Royale ko-vollgequatscht zu haben. Er muss nun mit all den üblichen Vorwürfen leben: mit dem Pop-Vorwurf, dem Schnösel-Vorwurf, womöglich sogar Spaßgesellschaft, und überhaupt.

Vielleicht ist es da Berechnung (wahrscheinlich aber nicht), dass Kracht seinen zweiten Roman 1979 nicht im deutschen Gegenwartsalltag ansiedelt, sondern zunächst im krisengebeutelten Teheran des titelstiftenden Jahres, später in den Bergen Tibets, schließlich sogar im chinesischen Arbeitslager. Geschildert wird die Odyssee eines Ich-Erzählers, dem erst der Freund wegstirbt und der daraufhin einem alten Brauch folgend einen heiligen Berg umwandern will, um sich von seinen Sünden rein zu waschen und überhaupt einmal ein Ziel vor Augen zu haben. Das Reinwaschen der Sünden klappt nicht, stattdessen erfolgt nach der Bergumwanderung die Verhaftung durch chinesische Soldaten. Im Arbeitslager fügt sich der Erzähler bald gar nicht mal unglücklich in sein Schicksal, vermutlich weil die Regeln und Strukturen im Lager konstant und eindeutig sind, anders als in der komplizierten Außenwelt.

Die Hauptfigur braucht nicht lang bis sie dem Leser zum ersten Mal erzählt, wessen Musik sie hört und von welcher Marke Schuhwerk und Einstecktuch sind. "Aha!", mögen da die Besserwisser und Rechthaber brüllen, und: "Popliteratur!" Aber wer brüllt lügt und übersieht, dass die Beschreibung des Banalen hier nur einen Bruchteil der Erzählung einnimmt, und zwar einen notwendigen. Musikgeschmack und Garderobe sind Ausdruck des Charakters, also ist es völlig legitim, eine Figur zumindest teilweise darüber zu definieren. Das ist nicht oberflächlich, sondern effizient. Es erlaubt dem Autor, auf anderen, wichtigeren Gebieten schneller zur Sache zu kommen. Und Christian Kracht beackert hier eine Menge anderer Gebiete auf nur drei CDs. Seine Schilderung der komplizierten Beziehung zwischen der Hauptfigur und ihrem schwer kranken Freund ist bewegend und nachvollziehbar, die Milieubeschreibungen vom billigen Hotelzimmer in Teheran bis zur Bergwelt Tibets ist immerhin gut ausgedacht, die Suche der Hauptfigur nach Erleuchtung oder Ähnlichem wirkt nicht aufgesetzt und ist erfreulich plattitüdenfrei.

Im Hintergrund dieser Hörbuchaufnahme knackt es, als höre man eine ohne Sorgfalt gereinigte Vinylplatte. Die Intention dieses Gimmicks wird nicht ganz klar. Weil es 1979 noch keine CDs gab? Oder ist es nur eine Schnöselmarotte? Im Grunde ist es egal, denn es stört ebenso wenig wie es hilft. Es ist einfach da, so selbstverständlich, wie die Stimme Christian Krachts einfach da ist. Mit großer und angemessener Ernsthaftigkeit trägt er seine Groteske vor, nimmt sich viel Zeit, klingt dabei weitaus erwachsener, als sein jungenhaftes Pressefoto erahnen lässt. Vermutlich im Studio nachgeholfen. Aber was soll's, es ist angenehm, dieser Stimme zuzuhören. Vielleicht angenehmer, als die spröde, aber nicht uninteressante Geschichte selbst lesen zu müssen. --Andreas Neuenkirchen

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